Brauchtum im Lebenslauf

Wie das Brauchtum im Jahreslauf, war auch das Brauchtum im Lebenslauf eng an den christlichen Glauben gekoppelt. Selbst in unserer heutigen Zeit der "Taufscheinchristen" gibt es im Leben der meisten Menschen zumindest einige Tage, an denen sie eine Kirche von innen sehen wollen: Taufe - Erstkommunion - Firmung - Hochzeit. Neben dem Wunsch, dem persönlichen Fest einen feierlichen, würdigen Rahmen zu geben, ist sicher auch das Gefühl der Gemeinschaft maßgeblich hierfür verantwortlich.
Schwangerschaft und Geburt
In früherer Zeit, als sich die Kunst der "Götter in weiß" noch recht in Grenzen hielt, stellte eine Schwangerschaft ein beträchtliches Risiko für Mutter und Kind dar. Andererseits gab es keine verläßlichen Mittel zur Empfängnisverhütung, so daß eine durchschnittliche Familie um 1800 5 bis 6 Kinder hatte. Aufgrund der damaligen Kindersterblichkeit bedeutet dies eine erheblich höhere Anzahl von Schwangerschaften und Geburten. Daß in einer Familie von 10 Säuglingen nur 2 erwachsen wurden, ist keine Seltenheit, wenn es auch nicht die Regel war. Das Wort "Kindersegen" legt nahe, daß eine hohe Kinderzahl damals durchaus erwünscht war. Eine kinderlose Familie wurde bedauert. Andererseits genoß eine Schwangere, insbesondere in ärmeren Familien, keinerlei Sonderrechte und mußte bis unmittelbar vor der Niederkunft ihre täglichen Arbeiten verrichten, was zu Frühgeburten oder ungünstigen Kindslagen führen konnte. Um die Schwangere rankte sich allerhand Aberglaube, zum Beispiel daß eine Schwangere, die eine Feuersbrunst zu sehen bekommt, ein rothaariges Kind gebären wird oder daß in einem Jahr mit reicher Nußernte überwiegend Buben geboren würden.
Während in den Städten schon um 1500 ein angemessenes Hebammenwesen vorhanden war, lag auf dem Land die Geburtshilfe oft bei Verwandten und Nachbarinnen. Da es weder Antibiotika, noch Schmerzmittel gab, wird oft von Geburtsnöten berichtet. Das Vertrauen auf Gott war dann oft die einzige Hoffnung. Der heilige Leonhard, das "Hergöttle von Biberbach" und der Bistumsheilige Simpert sind einige derjenigen, die in Geburtsnöten angerufen wurden. War die Geburt dann glücklich vonstatten gegangen, sollten Schutzmaßnahmen helfen, das Kind am Leben zu halten. So sollte das Licht nicht ausgelöscht werden, solange das Kind noch nicht getauft ist. Obwohl heute vermutlich mehr Böses geschieht, als in der Zeit unserer Vorfahren, wurde damals die Gegenwart des Teufels als viel wirklicher betrachtet. Ein Beispiel hierfür ist das Michaelsgebet, das früher der Priester verpflichtet war, nach der Hl. Messe zu beten:
Heiliger Erzengel Michael, verteidige uns im Kampfe; gegen die Bosheit und die Nachstellungen des Teufels sei unser Schutz. «Gott gebiete ihm», so bitten wir flehentlich; du aber, Fürst der himmlischen Heerscharen, stoße den Satan und die anderen bösen Geister, die in der Welt umhergehen, um die Seelen zu verderben, durch die Kraft Gottes in die Hölle. Amen.
Hierauf dreimal:
Heiligstes Herz Jesu,
Erbarme dich unser.
Der einige Zeit in Batzenhofen amtierende Pater Zacharias hat einmal formuliert: "Stein - Mensch - getaufter Mensch: Der Unterschied zwischen dem zweiten und dritten ist größer, als der zwischen dem ersten und zweiten". Nimmt man diese Aussage aus heutiger Zeit und die Furcht vor dem Satan aus früheren Tagen zusammen, bekommt man vielleicht eine Vorstellung vom Stellenwert der Taufe in damaliger Zeit. Sorge und Angst um die ungetauften Kinder führten in der Barockzeit zu einer großen Wallfahrt nach Ursberg: Man brachte ca. 20.000 - 30.000 totgeborene Kinder von weither, weil man glaubte, sie würden unter dem mächtigen Kruzifix ein Lebenszeichen geben. Die geringste Bewegung genügte, um den kleinen Leichnam taufen zu können. Der allzu frühe Tod sollte nicht auch noch zu ewigem Tod und Verdammnis führen. Auch in heutiger Zeit betrachten viele Eltern die Taufe als wichtiges Sakrament, das sie ihrem Neugeborenen nicht vorenthalten möchten.
Andererseits hört man Eltern manchmal sagen:"Wir lassen unser Kind nicht taufen. Es soll später einmal selbst entscheiden, ob es der Kirche angehören möchte, oder nicht." Die gleichen Eltern würden wohl kaum auf die Idee kommen, zu sagen: "Wir schicken unser Kind nicht in die Schule, es soll später einmal selbst entscheiden, ob es etwas lernen möchte oder nicht". Wer sein Kind nicht taufen läßt, trifft für dieses Kind genauso eine Vorentscheidung, wie umgekehrt. Eltern sein bedeutet immer, Verantwortung für das Kind zu übernehmen. Wie läuft nun eine typische (katholische) Taufe ab?
Die Taufe
Bei der Taufe werden auch heute noch nach altem Brauch verschiedene Symbole verwendet:
Das Wasser
Wasser ist das Symbol der Reinigung, der Erfrischung und der Erneuerung des Lebens. Für die Taufe ist es Grundvoraussetzung und wird zu jenem "lebendigen Wasser" und der Gabe Gottes, die uns mit Jesus verbindet und uns das ewige Leben schenkt. In der frühen Kirche wurden die Erwachsenen durch Untertauchen im Taufbrunnen getauft. Dieses Untertauchen bedeutet Sterben mit Christus. Das Auftauchen des Täuflings aus dem Wasser aber bedeutet Auferstehung mit Christus zu neuem, ewigem Leben. Das Weihwasser, mit dem wir uns segnen, erinnert uns immer wieder an unsere Taufe.
Das Öl
Bei der Taufe wird der Täufling zweimal gesalbt: mit Katechumenenöl und Chrisam. Die Salbung mit Öl ist ein altes Zeichen. Schon im Alten Testament wird damit die Beauftragung eines Menschen durch Gott ausgedrückt. Könige wie David, Priester und Propheten wurden gesalbt und so von Gott für ihre Aufgabe gestärkt. Jesus wurde als "Gesalbter Gottes" bezeichnet. Die Salbung mit Ölen bei der Taufe bedeutet daher: Verbindung mit Christus, Annahme als Kind Gottes, Stärkung durch den Geist Gottes und Beauftragung zu einem christlichen Leben.
Die Taufkerze
Die Taufkerze wird am Licht der Osterkerze entzündet. Diese hat zum ersten Mal in der Osternacht gebrannt, jener Nacht, in der die ganze Christenheit den Sieg des Lebens über den Tod feiert. Die brennende Taufkerze ist Zeichen für Christus, das Licht der Welt. Sie macht auch deutlich, daß wir Licht von Christus her erlangen und so nicht nur das Dunkel und den Tod überwinden, sondern selber zum "Licht der Welt" werden können.
Das weiße Taufkleid
Das weiße Taufkleid, das nach der Taufe auf den Täufling gelegt wird, bedeutet, daß der Getaufte durch die Taufe Christus als Gewand angezogen hat.
Der Effata-Ritus
Mit dem Ruf "Effata" ("Öffne dich") kann der Zelebrant dem Neugetauften Mund und Ohren bezeichnen, das dem Täufling wie dem Taubstummen Ohren und Mund öffnen soll, damit dieser das Wort Gottes vernehmen und den Glauben bekennen kann.
Nach der Erläuterung der Symbolik wollen wir den Ablauf der Tauffeier betrachten:
Die Feier der Kindertaufe (Kurze Darstellung des Ablaufs einer modernen katholischen Tauffeier)
Nach dem Empfang der Eltern und Paten mit dem Säugling an der Kirchentür und der Begrüßung bittet der Zelebrant die Eltern, öffentlich auszusprechen, welchen Namen sie ihrem Kind gegeben haben und was sie für ihr Kind erbitten.
Welchen Namen haben Sie Ihrem Kind gegeben? Eltern: N.
Was erbitten Sie von der Kirche für N.? Eltern: Die Taufe.
Die Eltern können auch andere passende Antworten geben, z. B.: Daß es ein Kind Gottes wird; Die Aufnahme in die Kirche.
Liebe Eltern! Sie haben für Ihr Kind die Taufe erbeten. Damit erklären Sie sich bereit, es im Glauben zu erziehen. Es soll Gott und den Nächsten lieben lernen, wie Christus es uns vorgelebt hat. Sind Sie sich dieser Aufgabe bewußt? Eltern: Ja.
WORTGOTTESDIENST
Vor der Taufspendung soll der Glaube der Eltern, der Paten und der Gemeinde gestärkt werden durch die Verkündigung und Auslegung des Wortes Gottes. Danach bezeichnen der Spender und die Eltern (und die Paten) das Kind auf der Stirn mit dem Kreuzzeichen.
Fürbitten
Weil durch die Taufe der Eintritt in die Gemeinschaft der Heiligen geschieht, beginnen die Fürbitten für den Täufling und die Familie mit der Anrufung der Heiligen: V: Heilige Maria, Mutter Gottes, A: bitte für ihn (sie) V; Heiliger Josef, A: bitte für ihn (sie)
Die einzelnen Gebetsanliegen werden in der gewohnten Weise aufgegriffen: durch eine Gebetsstille, durch den Ruf: Wir bitten dich, erhöre uns; oder durch einen Wechselruf. Christus, höre uns - Christus, erhöre uns; oder: Herr, erbarme dich - Christus. erbarme dich.
Der Zelebrant streckt die Hände über das Kind aus und spricht ein Exorzismusgebet. Anschließend kann die Salbung mit Katechumenenöl vorgenommen werden.
SPENDUNG DER TAUFE
Die Taufgemeinde begibt sich zum Platz der Taufspendung, gewöhnlich zum Taufbrunnen.
Taufwasserweihe
Die Gemeinde lobt Gott, den Spender des Lebens, und ruft seinen Segen auf das Wasser herab. Das kann in verschiedenen Formen geschehen. Dabei sind folgende Akklamationen möglich. V: Wir loben dich. V: Erhöre uns, o Herr, A: Wir preisen dich. A: Erhöre uns, o Herr. Die Eltern und die Paten bekennen ihren Glauben durch Absage und Glaubensbekenntnis. Der Zelebrant fragt, Eltern und Paten antworten.
Absage
I. Widersagen Sie dem Bösen, um in der Freiheit der Kinder Gottes leben zu können? Eltern und Paten: Ich widersage. Widersagen Sie den Verlockungen des Bösen, damit es nicht Macht über Sie gewinnt? Eltern und Paten: Ich widersage. Widersagen Sie dem Satan, dem Urheber des Bösen? Eltern und Paten: Ich widersage. oder: II. Widersagen Sie dem Satan? Eltern und Paten: Ich widersage. Und all seiner Bosheit? Eltern und Paten: Ich widersage. Und all seinen Verlockungen? Eltern und Paten: Ich widersage. Oder: III. Widersagen Sie dem Satan und allen Verlockungen des Bösen? Eltern und Paten: Ich widersage.
Glaubensbekenntnis
Glauben Sie an Gott den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde? Eltern und Paten: Ich glaube. Glauben Sie an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn, der geboren ist von der Jungfrau Maria, der gelitten hat und begraben wurde, von den Toten auferstand und zur Rechten des Vaters sitzt? Eltern und Paten: Ich glaube. Glauben Sie an den Heiligen Geist, die heilige katholische Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen, die Vergebung der Sünden, die Auferstehung der Toten und das ewige Leben? Eltern und Paten: Ich glaube. Dem Glaubensbekenntnis der Eltern und der Paten stimmt die ganze Gemeinde zu durch ein entsprechendes Lied oder durch das gemeinsame Sprechen oder Singen des Apostolischen Glaubensbekenntnisses.
Taufe
Der Zelebrant gießt Wasser über den Kopf des Täuflings und sagt dabei: (NAME), ICH TAUFE DICH IM NAMEN DES VATERS UND DES SOHNES UND DES HEILIGEN GEISTES.
Salbung mit Chrisam
Nach der Taufe, salbt der Zelebrant den Neugetauften mit Chrisam; denn wer getauft ist, gehört zu Christus und ist wie er "gesalbt" ("gesalbt" ist die Wortbedeutung von "Christus") zum Amt des Priesters, des Königs und des Propheten.
Überreichung des weißen Kleides
Dem Neugetauften wird das weiße Kleid überreicht. Wenn die Familie ein eigenes Taufkleid besitzt, soll es dem Kind nicht schon zu Hause angelegt, sondern erst hier nach der Taufe überreicht werden.
Übergabe der brennenden Kerze
Der Vater (oder ein Pate) entzündet die Taufkerze an der Osterkerze und hält die brennende Kerze in der Hand.
Effata-Ritus
Der Zelebrant kann mit dem Ruf: Effata (öffne dich) dem Neugetauften Ohren und Mund öffnen, damit dieser das Wort Gottes vernehme und den Glauben bekenne.
ABSCHLUSS DER TAUFFEIER
Die Taufgemeinde zieht (singend) zum Altar, an dem der/die Neugetaufte in der Kraft der Taufe am heiligen Opfer und Herrenmahl teilnehmen wird. Dort beten oder singen die Versammelten das Gebet des Herrn. Dann folgt der Segen und nach Möglichkeit ein Schlußlied. Der Brauch, das Kind nach der Taufe vor ein Marienbild zu bringen, wird empfohlen.
Der Text über die Taufe wurde größtenteils aus PUR spezial 3/2004 entnommen. Das Jahresabo (4 Hefte) kostet aktuell 6 € und ist zu bestellen unter Tel. 07563 - 92007.
Nach der Taufe (oft auch schon während) folgt der obligatorische Fototermin, dann wird zum gemütlichen Teil übergegangen.
Zumindest der gemütliche Teil gehörte auch früher schon zum Taufbrauchtum. Nach der Taufe war ein kleines Essen, das meist zuhause stattfand, z. B. mit Kaffee, Fleisch, Würsten, Käse, Brot und Bier. Noch zur Jahrhundertwende war die Mutter von der kirchlichen Tauffeier ausgeschlossen, einerseits weil die Taufe meist schon zwei bis drei Tage nach der Geburt erfolgte, andererseits aber auch wegen des Volksglaubens über die Wöchnerin: Nach den Vorschriften im Buch Levitikus galt die Wöchnerin als "unrein". Dieser jüdische Brauch wirkte im Christentum nach. Erst nach der Aussegnung war die Wöchnerin wieder gesellschaftsfähig.
Die Namensgebung verlief nicht, wie heute, nach der aktuellen Mode, sondern folgte bestimmten Regeln. Oft wurde, insbesondere bei Geschäftsleuten, der Sohn nach dem Vater benannt. Beliebt waren auch die Vornamen von Verwandten, der lokale Kirchenpatron oder der Pate bzw. die Patin. Die Taufpaten beschenkten das Kind nicht nur zur Taufe, sondern meist auch zu Geburtstag bzw. Namenstag, Erstkommunion, Weihnachten, Neujahr und Ostern. Ein besonders typisches Patengeschenk ist jedoch die jährliche Allerseelenbreze. Dieser Brauch hat sich bis heute erhalten. Der Pate wurde früher zum Vormund, wenn den Eltern des Kindes etwas zustieß; das Patenamt war also eine ernste und wichtige Angelegenheit.
Geburtstag und Namenstag
Noch in den 30er Jahren wurde in katholischen Gemeinden meist nur der Namenstag gefeiert. Allenfalls hohe "runde" Geburtstage wie z. B. der 80er wurden als besondere Gnadengabe Gottes gefeiert. Die Zeugen Jehovas lehnen es noch heute strikt ab, Geburtstage zu feiern, u. a. mit der Begründung, daß die römischen Cäsaren zu ihren Geburtstagsfeiern bei den "Spielen" Christen auf grausame Art zur Volksbelustigung hinrichten ließen. Offenbar empfanden auch die meisten Katholiken eine Geburtstagsfeier noch vor wenigen Jahrzehnten als eher heidnisches Brauchtum. Manche aus der älteren Generation reagieren noch heute mit Unverständnis, ja Empörung, auf Glückwünsche zum Geburtstag. Doch für die Meisten gehört heute die Geburtstagsfeier, je pompöser, desto besser, zum Standardbrauchtum im Lebenslauf. Man gönnt sich ja sonst nichts und eine großzügige Feier verspricht großzügige Geschenke! Der Rückgang der Heiligenverehrung, verbunden mit dem Nachlassen der kirchlichen Autorität, verwies den Namenstag klar auf Platz 2. In städtischen Gegenden wird der Namenstag oft überhaupt nicht mehr gefeiert. Viele wissen nicht einmal, wann ihr Namenstag ist. Irgendwie scheinen Heilige dem gesteigerten Selbstbewußtsein der modernen Menschen im Wege zu stehen. Hier soll niemanden die Geburtstagsfeier madig gemacht werden, doch wäre es schön, wenn der alte Brauch des Namenstags nicht ganz aussterben würde!
Der erste Schultag
Während heute für die Kinder meist schon mit Abschluß des vierten Lebensjahres der "Ernst des Lebens" beginnt, war dies zu Zeiten, als es noch keine Kindergärten gab, der erste Schultag. Fast jeder Ort hatte sein eigenes Schulhaus, stundenlange Fahrten mit dem Bus zum Kindergarten bzw. zur Schule waren praktisch unbekannt. Da abends keine Fernsehsendungen zu langem Aufbleiben verlockten, ausreichend Bewegung und Spiel für gesunde Müdigkeit und die Eltern für zeitiges zu Bett gehen sorgten, hatten die Kinder ausgeschlafen und konnten dem Unterricht problemlos folgen, obwohl sich meist mehrere Klassen einen Raum und eine Lehrkraft teilen mußten. Da die Kinder zuhause Disziplin, Höflichkeit und Rücksichtnahme gelernt hatten und die Lehrkraft als Autoritätsperson anerkannt wurde, konnte sich diese voll der Wissensvermittlung widmen, ohne den Schülern erst ethische Grundlagen wie die Achtung vor Freiheit und Eigentum des anderen, akzeptables Benehmen usw. beibringen zu müssen.
Als Symbol, daß für den frischgebackenen "ABC-Schützen" ein neuer Lebensabschnitt beginnt, aber auch um das Ende der kindlichen Freiheit ein wenig zu versüßen, kam Ende der dreißiger Jahre zunehmend die Schultüte in Gebrauch. In den Fünfzigern hatte sie sich auch auf dem Land vollständig durchgesetzt. Neben der Schultüte gehörte damals der lederne Schulranzen mit holzgerahmter Schiefertafel, Griffelschachtel, Schwammdose und Tafellappen zur Standardausstattung des Erstklässlers. In den Sechzigern wurde die bruchempfindliche Schiefertafel durch eine flexible Kunststofftafel ersetzt, auf die nun nicht mehr mit Griffel, sondern weißem Buntstift geschrieben wurde. Während auf dem Land Ende der 50er noch mit Federhalter geschrieben wurde, der in einem Tintenfaß in Bankmitte eingetaucht wurde, begann Anfang der 60er der Siegeszug der Patronenfüller. Ende der 60er kam der Tintentod hinzu und jetzt, als Steigerung zur Bekämpfung von Schreibfehlern, die Rechtschreibreform, die manche allerdings als reine Kapitulation vor der menschlichen Faulheit bzw. Dummheit empfinden.
Erstkommunion
Vor der Erstkommunion erfolgt irgendwann die Erstbeichte. Da diese ohne Pomp abläuft, wird das Beichtsakrament oft zu Unrecht unterbewertet.
Das heilige Sakrament der Buße ist das Sakrament der göttlichen Barmherzigkeit, von Jesus eingesetzt zur Vergebung der Sünden. Seine ganze Erlöserliebe hat der Heiland geoffenbart, als er, nach seinem Tod für die Sünden der Welt, am Tage der Auferstehung seine Apostel, die ersten Bischöfe seiner Kirche, anhauchte und zu ihnen sprach: "Empfanget den Heiligen Geist! Welchen ihr die Sünden nachlasset, denen sind sie nachgelassen, welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten". ... Von seiten des Sünders ist zum gültigen Empfang der Lossprechung die Erkenntnis seiner Sünden und Sündhaftigkeit notwendig und die reuevolle Abwendung von den Sünden und erneute Hinwendung zu Gott. ... Der Beichtstuhl ist nicht eine Folterkammer, sondern eine Gnadenstätte für den, der guten Willens ist.
Dieser alte Text über die Beichte aus dem Laudate zeigt, daß die Beichte eigentlich auch noch heute zum Leben des Christen gehören sollte.
Früher erfolgte der Beicht- und Kommunionunterricht durch den Pfarrer und es wurde viel Wert auf das Zeremoniell gelegt. Heute wird, einerseits infolge Priestermangel, andererseits um auch die Eltern aktiv mit einzbeziehen, der Unterricht meist durch "Kommunionmütter" erledigt. In den letzten Jahren wurde in vielen Gemeinden der Gewandstreit zum festen "Brauchtum" bei der Erstkommunion: Die einen favorisieren einheitliche, schlichte Gewänder. Begründung: Dies soll Zeichen sein, daß vor Gott alle gleich sind. Ärmere Eltern sollen nicht durch Gruppenzwang genötigt werden, ein teures Gewand kaufen zu müssen, das ohnehin nur wenige Tage getragen wird. Die Schlichtheit der Feier soll die Hauptsache, nämlich den Leib Christi, in umso hellerem Glanz erstrahlen lassen. Die Befürworter der Festtagsroben argumentieren, man müsse sich zur Ehre Gottes erst recht bestmöglich herausputzen, da man dies ja sogar schon für weltliche Anlässe zu tun pflege. Das weiße Kleid sei Symbol, daß das Mädchen Braut Christi wird. Außerdem wäre dies alte Tradition und darum hieße das ganze ja auch "Weißer Sonntag". Zumindest dem letzten Argument muß widersprochen werden, denn der Begriff "Weißer Sonntag" rührt daher, daß zu Zeiten der Erwachsenentaufe in der Nacht des Ostersonntags der Weiße Sonntag der letzte Tag war, an dem das weiße Taufkleid noch getragen werden durfte. Positiv am weißen Sonntag ist jedenfalls der überdurchschnittlich gute Kirchenbesuch.
Die heilige Kommunion ist die innigste Vereinigung des Menschen mit Jesus Christus. Sie ist das Opfermahl der heiligen Messe. In ihr werden wir Tischgenossen Gottes. Ohne Kommunion bleibt die heilige Messe für den einzelnen unvollständig. Daher sollen alle Gläubigen, wann immer ihr Gewissenszustand dies zuläßt, an der Kommunion teilhaben. Je öfter man die heilige Kommunion empfängt, je andächtiger man bei der heiligen Kommunion betet, je inniger das Verlangen nach Jesus ist, je mehr man sich ihm schenkt, desto reicher sind die Früchte der heiligen Kommunion.
Auch dieser Text steht so ähnlich im Laudate. Wenn Eltern und Kinder in der Erstkommunion nur eine "schöne Feier", ein "tolles Gemeinschaftserlebnis" sehen, geht dies nicht weit genug. Der Leib Christi ist kein Medikament, das ohne eigenes Zutun bei einmaliger Anwendung eine kranke Seele gesunden läßt, so wie Aspirin Kopfweh vertreibt: "Fromme kommen, Böse kommen. haben beide ihn genommen, bringt er Leben, bringt er Tod; Bösen Tod, den Guten Leben, wenn auch beiden gleich gegeben. So verschieden wirkt dies Brot." So dichtete im 13. Jhdt. Thomas von Aquin. An dieser Botschaft hat sich bis heute nichts geändert. Und so muß jeder selbst entscheiden, ob und wie er Kommunion feiern möchte.
Althergebrachter guter Brauch ist jedenfalls, nach der kirchlichen Feier die private folgen zu lassen. Im Kreis von Eltern, Großeltern, Verwandten und Bekannten kann das Kommunionkind nochmals Mahlgemeinschaft feiern mit Menschen, die es liebt und von denen es geliebt wird. So wie einst Jesus mit seinen Jüngern ein ganz normales jüdisches Pessach feierte, bis durch die folgenschweren Worte "das ist mein Fleisch - das ist mein Blut - tut dies zu meinem Gedächtnis" etwas grundlegend neues geschaffen wurde, das bis heute Bestand hat.
Ein weiterer alter Brauch ist die Kommunionkerze: Hinweis auf Christus, das Licht der Welt. Während früher meist gekaufte, lange, schlanke, oft aufwendigst verzierte Kommunionkerzen verwendet wurden, werden heute sehr häufig von den Kommunionkindern selbst gebastelte Kerzen getragen, die oftmals nicht minder kunstvoll sind. Auch daß jedes Kind die anderen mit einem Kommunionbildchen als Erinnerung beschenkt, ist in manchen Gemeinden noch üblich, doch hat sich auch hier der Zeitgeschmack geändert. Die vor wenigen Jahrzehnten als Geschenk noch sehr beliebte Sammeltasse ist hingegen völlig aus der Mode gekommen. Während dies nicht weiter bedauerlich ist, ist es schade, daß eine weitere Tradition leider auch zusehends aus der Mode kommt: Die Teilnahme aller Kommunionkinder bei den Maiandachten und bei der Fronleichnamsprozession.
Firmung
Kennen den herrlichen Sketch von Karl Valentin und Liesl Karlstadt mit dem Titel "Der Firmling"? Früher war die Firmung äußerlich betrachtet der Eintritt ins Erwachsenenleben: Die erste Maß Bier, die erste Zigarre, die erste Armbanduhr, vielleicht sogar der erste Suff.
Heute konsumieren Kinder oftmals schon in frühen Jahren Nikotin und Alkohol und die Armbanduhr gehört ebenso zur Grundausstattung, wie das Handy.
Doch das sind ohnehin alles nur Äußerlichkeiten. Die Firmung ist Sakrament wie Taufe oder Erstkommunion. Mit ihr soll unser Ja zu Christus endgültig werden. In ihr wird den Gläubigen in besonderer Weise der Heilige Geist geschenkt. Der Firmling wird in neuer Weise von der Kirche in die Pflicht genommen, wächst stärker in sie hinein: Was in der Taufe begann, wird in der Firmung vollendet.
Der Autor empfing seine Firmung noch im Hohen Dom zu Augsburg vom Bischof höchstpersönlich, zusammen mit Hunderten anderer Firmlinge aus dem ganzen Landkreis. Heute findet die Firmung oft in der Heimatgemeinde statt und es ist nicht unbedingt der Bischof, sondern zum Beispiel ein Abt, der sie spendet.
Die Firmung ist heute eine eher schlichte Zeremonie: Dem Firmling wird die Hand aufgelegt und die Stirn mit Chrisam gesalbt. Dabei wird folgende Firmformel verwendet: ". (Vorname), sei besiegelt durch die Gabe Gottes, den Heiligen Geist". Der Firmling ist dadurch aufgerufen, sein weiteres Leben aus der Kraft dieses Heiligen Geistes heraus zu gestalten und am Aufbau des Gottesreiches aktiv mitzuwirken.
"Die Firmung ist mit einem feierlichen Auszug aus der Kirche verbunden" hat ein Firmling in seinem Aufsatz geschrieben. Viele nehmen diesen zweideutigen Satz nur allzu wörtlich: Für Sie ist es für lange Zeit das letztemal, daß sie eine Kirche von innen sehen.
Eines gehört je doch noch immer zur Tradition: Wie bei der Taufe gibt es auch bei der Firmung einen Paten, ein "Dodle". Und meist wird die Firmung, im Gegensatz zu Taufe und Erstkommunion nur im kleinen Rahmen gefeiert.
Erwachsen werden und erste Liebschaften
Was in den 60er Jahren das "Wogheisle" als Jugendtreffpunkt war, war zuvor der Kirchberg. Doch anders als beim Wogheisle, wo man sich in der Regel nur traf, um auszudiskutieren, wohin es denn heute gehen solle, war der Kirchberg selbst Treff lustiger Gesellschaften. Am Bänkle bei der großen Eiche wurde gesungen und erzählt bis lang in die Nacht hinein und muntere Lieder klangen zur Freude von Jung und Alt über das Dorf. Heute bekämen die jungen Leute wahrscheinlich schnell Bekanntschaft mit der Polizei, die irgendein Anwohner wegen Ruhestörung gerufen hätte. So ändern sich Zeiten, Einstellung der Mitmenschen und damit zwangsläufig auch das Brauchtum.
Gehen wir in der Geschichte noch weiter zurück, war das Kennenlernen der jungen Leute nur sehr bedingt möglich. Vorehelicher Geschlechtsverkehr war als "Leichtfertigkeit" unter Strafe gestellt und wurde zudem als schwere Sünde betrachtet. Als Möglichkeiten zum Kennenlernen boten sich am ehesten noch öffentliche Tanztermine wie Fasching, Kirchweih, Kathrein, aber auch Märkte und Wallfahrten an. Noch im 18. Jahrhundert wurden, wie alte Gerichtsprotokolle beweisen, drastische Strafen wegen "Leichtfertigkeit" verhängt. Im frühen 19. Jahrhundert wurde dieser Straftatbestand zwar abgeschafft, doch ledige Mütter hatten noch immer den Arm des Gesetzes zu fürchten. Trotz dieser strengen Moralvorstellungen kamen die jungen Leute irgendwie zusammen - andernfalls wäre die Menschheit längst ausgestorben. Schließlich soll es auch damals schon vorgekommen sein, daß das schwellende Bäuchlein der Braut der wahre Hochzeitsgrund war und es nach der Hochzeit keine 9 Monate dauerte, bis das erste Kind zur Welt kam ...
Hochzeit
... wird fortgesetzt ...
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